Ins Leere greifen – Das ziellose Suchen nach Halt
- Berit Kramer

- 29. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Ein Text mit freundlicher Zurverfügungstellung von Daniela Pickhardt
Als ich etwa acht oder neun Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Nur wir beide. Das war in Anbetracht dessen, dass ich noch vier Geschwister habe, ein großer Luxus. Nachdem wir losgegangen waren, ergriff ich seine Hand. Ich wollte ihn noch ein bisschen mehr für mich haben und an seiner Hand gehen. Sofort spürte ich, wie die Hand meines Vaters sich öffnete. Damit trat genau das Gegenteil von dem ein, was ich innerlich erhofft hatte, mich jedoch nicht getraute, es laut einzufordern. Seine Tochter an die Hand zu nehmen, war meinem Vater nicht möglich.
Ich stellte keine Fragen.
War ich traurig? Denke ich heute an den Vorfall zurück, der mir glasklar in Erinnerung ist, spürte ich wohl eher Enttäuschung. Warum hatte ich es überhaupt versucht? Ich wusste doch längst, wie er tickte. Wahrscheinlich tat ich es, weil ich noch zu jung war, um meine Suche nach Nähe zu ihm völlig aufgegeben zu haben.
Dieser Vorfall war bezeichnend für meine gesamte Kindheit. Kletterte ich als Fünfjährige auf den Schoß meiner Mutter, hieß es: „Du hast so spitze Knochen. Das tut weh, geh runter!“

„Greifen“ und „Ergriffen werden“ gehören bei uns Menschen zu den primären Leibbewegungen. Das Greifen ist eine der insgesamt fünf Lebens- und Erlebensäußerungen, die bereits bei Säuglingen erkennbar sind.
Da Kinder mit dem ganzen Körper greifen und nicht, wie man annehmen könnte, nur mit den Händen, hat sowohl das „Ins Leere greifen“ als auch das „Nicht ergriffen werden“ Folgen für das gesamte Körpererleben.
Heute weiß man, dass der Körper durch Berührung vermehrt das „Kuschelhormon“ Oxytocin ausschüttet. Dieses Hormon ist ein natürlicher Gegenspieler der Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Ein gesunder Oxytocinspiegel wirkt schmerzlindernd und fördert sowohl das Wohlbefinden als auch ein inneres Gefühl von Sicherheit. Es ist unser wichtigstes Bindungshormon. Fehlt Kindern regelmäßiges liebevolles Anfassen durch andere, bei kleinen Kindern vorzugsweise durch die Eltern, so fehlt ihnen ein elementarer Bestandteil der körpereigenen hormonellen Stressregulation.
Wer oft ins Leere greift, unterdrückt irgendwann den Greifimpuls. Bleiben Kinderhände, die greifend die Welt erforschen möchten, die nach etwas Vertrautem, möglicherwiese hilfesuchend greifen wollen, immer wieder leer, so bleibt ein wesentlicher Teil vom Menschsein unerfüllt. Die Folgen sind weitreichend.
Bei mir war es so, dass ich nie aufgehört habe, mich nach Berührung zu sehnen. Wurde ich doch einmal liebevoll berührt, war das - was für ein Paradox - für mich kaum zu ertragen. Somit konnte ich das „angefasst werden“ lange nicht zulassen. Insbesondere bei Schmerzen ging Berührung durch andere überhaupt nicht. Mein System hatte sich früh daran gewöhnen müssen, dass es sicherer war, alleine klarzukommen. Alles andere stellte sich als bedrohlich dar. Ein Umstand, der die Qualität von Beziehungen enorm belastet. Bei den Geburten unserer Kinder beispielsweise waren diese Widrigkeiten eine große Herausforderung für meinen damaligen Mann, der mich während der Wehen gerne mehr oder anders unterstützt hätte.
Das Gefühl, immer wieder ins Leere zu greifen, kann das gesamte körperliche Wohlbefinden stark beeinträchtigen. Leere Hände erzeugen ein Empfinden von Unwirksamkeit. Gedanken wie „Ich kann nichts tun“ oder „Es nützt ja eh nichts“ werden überwältigend. Außerdem verstärkt das Gefühl leerer Hände den Eindruck, andere Menschen nicht wirklich erreichen zu können.
Bis heute gibt es Momente, in denen ich meine viel zu lange leer gebliebenen Hände als solche spüre. Ich vermisse dann schmerzlich etwas, von dem ich lange nicht wusste, was es eigentlich war. Dies heute zu wissen, verschafft mir die Möglichkeit, etwas Unausgefülltes in mir „nachzunähren“. Manchmal tritt das Gefühl mitten in einer Yogastunde auf. Das ist kein Wunder, da Yoga das Körpererleben unterstützt und die eigenen Zustände bewusst macht. Hilflosigkeit und Wut beispielsweise sind typische Emotionen, die mit dem Gefühl leerer Hände einhergehen.
Kleiner Tipp: Vor einigen Jahren habe ich mir im Baumarkt ein Stück Rohrisolierer aus festem Schaumstoff gekauft. Diese gibt es in unterschiedlicher Größe für kleines Geld. Zwei Stücke, passend geschnitten, mit den Händen greifen und kräftig drücken ist unglaublich hilfreich, wenn Gefühle wie Wut oder Hilflosigkeit überwältigend werden. Sie sind fester Bestandteil meiner Yoga-Ausrüstung.
Als meine Mutter alt wurde und mit 89 Jahren in ein Pflegeheim kam, lag in ihrem Nachttisch immer ein kleiner Stapel Stofftaschentücher. Sowohl tagsüber als auch nachts hielt sie ein solches Taschentuch in der Hand. Nicht, weil sie sich die Nase putzen oder Tränen hätte abwischen wollen. Nein. Das war es nicht. Meine Mutter brauchte etwas, das ihre Hände ausfüllte, die ein Leben lang ins Leere gegriffen hatten.
So lange sollten wir jedoch nicht warten, um unsere leeren Hände zu füllen. Was kann ich also tun, wenn ich merke, dass ich häufig – auch durchaus im übertragenen Sinne – ins Leere greife?
Wir brauchen Greiferlebnisse! Möglichst angenehme Greiferlebnisse. Kastanien im Herbst fühlen sich warm und weich an. Ebenso sind Trommelsteine oder Handschmeichler aus unterschiedlichem Material bestens geeignet, um das Greifen mit einem Wohlgefühl zu verknüpfen. Das Arbeiten mit Ton kann viel bewirken. Aber auch mit den Händen in eine Kiste greifen, die mit Sand, Hülsenfrüchten wie Erbsen oder Linsen oder Muggelsteinen gefüllt ist, kann die Handflächen oder auch die ganzen Hände wohltuend massieren und stimulieren.
Und natürlich das Er-Greifen von Mitmenschen. Das Kind knuddeln. Die Hand des Partners bewusst halten und dabei die eigene Hand halten lassen. Sich gegenseitig massieren. Das kann sich am Anfang sehr ungewohnt anfühlen. Beobachte einfach deinen Körper. Wie viel Ergriffen-werden kannst du zulassen? Und was passiert, wenn es sich plötzlich bedrohlich anfühlt? Dann lohnt es sich, zu überprüfen, ob die Situation tatsächlich bedrohlich ist oder werden könnte, oder ob dein Körper mit alten (Vermeidungs-) Mustern reagiert. Gelernt ist schließlich gelernt. Im Fall alter Muster macht es Sinn, nicht sofort die Reißleine zu ziehen. Warte einen Moment ab, bevor du dich zurückziehst. Und kommuniziere mit dem Partner, was gerade bei dir geschieht.
Das unterstützt deinen Heilungsweg und schafft tiefe Verbindung.
In diesem Sinne
Alles Liebe …
Deine Daniela








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